Litauisch für Deutschsprachige
Wer Deutsch spricht, ist beim Litauischen besser vorbereitet als fast jeder andere Westeuropäer: Fälle, Geschlechter und lange Vokale sind dir vertraut. Fremd ist dafür das, was am meisten Zeit kostet, nämlich die Wörter. Hilfreich ist, von Anfang an zu wissen, welcher Teil deines Sprachgefühls trägt und welcher dich täuscht.
Was dein Deutsch dem Litauischen schon voraushat
Die Fälle. Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ kennst du dem Namen und der Aufgabe nach, dein Kopf ist also längst daran gewöhnt, dass ein Substantiv seine Form ändert, je nachdem, welche Rolle es im Satz spielt. Neu kommen drei dazu: der Instrumental (womit), der Lokativ (wo) und der Vokativ für die Anrede. Und statt eines Artikels, der den Fall anzeigt, trägt ihn die Endung des Wortes selbst.
Lange Vokale. Im Deutschen unterscheidet die Länge Wörter wie Miete und Mitte, und genau das tut sie im Litauischen auch. Die Buchstaben mit Häkchen, ą, ę, į und ų, stehen für lange Vokale, nicht für Nasale. Wer aus einer Sprache ohne Vokallänge kommt, braucht Wochen, um diesen Unterschied überhaupt zu hören; du hörst ihn ab dem ersten Tag.
Und die Laute. Das litauische ch ist dein ach-Laut, š ist dein sch, č ist dein tsch. Die Schreibung bildet den Klang verlässlich ab: 32 Buchstaben, kein q, w oder x, und wer die Buchstaben kann, liest jedes Straßenschild richtig vor, auch ohne ein Wort zu verstehen.
Wo dich dein Deutsch beim Litauischen in die Irre führt
Die Fälle heißen gleich, verhalten sich aber nicht gleich. Nach einer Verneinung steht das Objekt im Litauischen im Genitiv statt im Akkusativ: „Matau namą“ heißt „Ich sehe das Haus“, „Nematau namo“ heißt „Ich sehe das Haus nicht“, und das Haus wechselt dabei vom Akkusativ in den Genitiv. Präpositionen verlangen ebenfalls ihre eigenen Fälle, und die deutsche Zuordnung trägt hier nicht. Lerne jede Präposition zusammen mit ihrem Fall, nicht über die deutsche Entsprechung.
Die Betonung. Im Deutschen liegt sie meist auf dem Stamm und bleibt dort. Im Litauischen kann sie auf jede Silbe fallen, zwischen den Formen desselben Wortes wandern, und der gewöhnliche Text zeigt sie nicht an. Ein ohne Betonung gelerntes Wort ist falsch gelernt, und es später zu korrigieren kostet mehr, als es gleich richtig zu machen.
Und ž, das weiche sch wie in Garage oder Journal. Im Deutschen kommt es nur in Fremdwörtern vor, im Litauischen ständig, und es unterscheidet Wörter. Die Verwechslung mit š fällt Muttersprachlern sofort auf.
Was das Litauische einfacher macht als das Deutsche
Es gibt keine Artikel. Kein der, die, das, kein ein und eine. Was dich im Deutschen beim Wechsel der Fälle die meiste Arbeit kostet, fällt hier einfach weg.
Es gibt zwei Geschlechter statt drei, und das Geschlecht verrät meist die Endung: Wörter auf -as und -us sind männlich, Wörter auf -a und -ė weiblich. Bei -is musst du nachschauen, aber verglichen mit dem Rätsel, warum es das Mädchen und der Löffel heißt, ist das ein überschaubares Problem.
Und die Wortstellung ist frei. Das Verb muss weder an die zweite Stelle noch ans Ende des Nebensatzes, denn die Endungen halten die Rollen fest. Ein Satz in falscher Reihenfolge bedeutet trotzdem, was du gemeint hast.
Litauisch lernen: die ersten drei Monate der Reihe nach
Woche eins sind das Alphabet und das Vorlesen, sonst nichts. In Woche zwei bis sechs folgen Wörter: drei- bis vierhundert alltägliche Substantive und Verben, jedes mit Geschlecht und Betonung. Mit falschen Endungen verstanden zu werden ist Fortschritt, mit perfekter Tabelle zu schweigen ist keiner.
Ab Woche sechs kommen die Fälle, einer nach dem anderen, zuerst die drei, die dir fehlen, und immer an echten Wendungen und den Präpositionen, die sie verlangen. Parallel dazu das Präsens der Verben, die du am häufigsten brauchst. Die Vorsilben der Verben funktionieren übrigens ähnlich wie im Deutschen: eiti heißt gehen, išeiti hinausgehen, pareiti nach Hause kommen. Wer an-, aus- und heimkommen gewohnt ist, erkennt das Prinzip sofort.
Wie lange Litauischlernen wirklich dauert
Gespräche nach einem Monat sind kein realistisches Versprechen. Mit zwanzig bis dreißig Minuten am Tag liest du nach einem Monat Schilder und Speisekarten, um den dritten Monat herum sagst du einfache, wahre Dinge über dich und deinen Tag, und ein gewöhnliches Gespräch führst du irgendwann im zweiten Jahr, nicht im ersten. Was dich hier bremst, ist der Wortschatz: Zwischen Deutsch und Litauisch gibt es kaum gemeinsame Wörter, abgesehen von internationalen wie kompiuteris oder universitetas.
Litauisch hat rund drei Millionen Sprecher. Es gibt also weniger Material als für Spanisch oder Französisch, und in der Stadt wechselt fast jeder ins Englische, sobald du zögerst. Sprechpraxis musst du einfordern, sie passiert dir nicht von selbst.
Wo Verba hilft und wo nicht
Verba übernimmt den Teil, der reine Menge ist: die Wörter, die dir schon begegnet sind, kurz bevor du sie verlieren würdest. Ein Wort kommt mit seiner Betonung, einem Beispielsatz und Audio, damit es nicht zu einer nackten Zeile aus dem Wörterbuch verkümmert. Das Morgendiktat dauert ein paar Minuten, und die Geschichte des Tages stellt dieselben Wörter zurück in Sätze, statt sie in einer Liste liegen zu lassen.
Was Verba nicht tut, sei klar gesagt. Es bringt dir das Deklinieren nicht bei, denn die Fälle sind ein System, das du auf Wörter anwendest, die du nie gesehen hast, und Karteikarten ersetzen das nicht. Es macht dich nicht flüssig, denn Sprechen trainiert man durch Sprechen. Dein Ohr trainiert es nur ein Stück weit: Manche Übungen verlangen, ein Wort ohne Text nur nach Gehör zu verstehen, und die Geschichte des Tages ist ganz vertont. In schneller Rede kann dasselbe Wort trotzdem an dir vorbeigehen, plane also eigene Zeit zum Hören ein.
Wörter für den Anfang
Jede fertige Sprache hat eine offene Wortliste: Bedeutung, Aussprache, Formen und ein echtes Beispiel auf jeder Seite.
Fang mit den Wörtern an, die dir schon begegnet sind
Das litauische Wörterbuch in Verba besteht aus echten Einträgen mit Betonung, Beispiel und Audio. Füg selbst hinzu, was dir unterkommt: ein Schild, ein Brief von der Bank, ein Wort aus einem Gespräch, dem du halb folgen konntest. Jeden Morgen kommt eine kurze Liste mit den Wörtern zurück, die fällig sind.
In der App gibt es dasselbe Morgendiktat, und Konto und Fortschritt teilt sie mit der Website.